Hermann von Meyer: Ein Pionier der Wirbeltierpaläontologie

Von Ernst Probst



Christian Erich Hermann von Meyer kam am 3. September 1801 in Frankfurt am Main als Sohn des Juristen Johann Friedrich von Meyer (1772-1849) zur Welt. Sein Vater wurde 1825 Bürgermeister und Gesandter der freien Reichsstadt Frankfurt in der Bundesversammlung. Von Kindheit an litt Hermann unter einem körperlichen Gebrechen. Er hatte eine Art von Klumpfüßen, weswegen er nicht lange stehen oder gehen konnte.

Wegen seiner Behinderung war Hermann von vielen Kinderspielen, bei denen im Freien herumgetobt wurde, ausgeschlossen. Er genoss in seiner Familie eine sehr gute Erziehung. Von Mai 1808 bis Oktober 1815 besuchte er das Gymnasium in Frankfurt am Main. Als Gymnasiast wandte er sich der Mineralogie und Chemie zu. Mit Friedrich Wöhler (1800-1882), der später ein berühmter Chemiker wurde, führte Hermann als Jugendlicher im Hof seines Elternhauses chemische Versuche durch. Sein Taschengeld gab er fast ausschließlich für Mineralien, Reagentien und Druckschriften über Chemie und Mineralogie aus.

1818 arbeitete Hermann von Meyer zur Vorbereitung auf das Hüttenwesen im Kahler Glaswerk. Auf Wunsch seines Vaters absolvierte er von 1819 bis 1822 eine Lehre im Bankhaus Gebr. Meyer seines Onkels. Die Beschäftigung in der Bank befriedigte ihn nicht. Während dieser Zeit verzichtete er nicht auf seine chemischen Versuche zusammen mit Wöhler.

Ab Mai 1822 studierte der 21-jährige Hermann von Meyer an der Universität Heidelberg Mineralogie, Mathematik und Physik. Zu seinen akademischen Lehrern gehörten unter anderem die berühmten Wissenschaftler Heinrich Georg Bronn (1800-1862), Karl Cäsar von Leonhard (1779-1862) und Leopold Gmelin (1789-1853).

1824/1825 setzte Hermann von Meyer an der Universität München sein Studium fort. Dort ordnete er zusammen mit Franz von Kobell (1803-1882) die mineralogische Sammlung des bayerischen Staates und hatte in seiner Freizeit Kontakt mit Architekten, Bildhauern und Malern.

Im Juli 1825 lernte Hermann von Meyer den Arzt und Anatom Samuel Thomas von Sömmering (1755–1830) kennen. Auf dessen Veranlassung wurde er am 16. August jenes Jahres in die nach dem Frankfurter Arzt Johann Christian Senckenberg (1707-1772) benannte, 1817 gegründete Senckenbergische Naturforschenden Gesellschaft (SNG) aufgenommen. Er ordnete deren mineralogische und paläontologische Sammlung, entwickelte sich bald dank seiner Ausdauer, seines Scharfsinns und Zeichentalents vom Schüler zum Meister und war Mitredakteur und einer der Hauptautoren der Veröffentlichungsreihe "Museum Senckenbergianum".

Im Sommer 1827 wechselte Hermann von Meyer nach Berlin, betrieb dort naturwissenschaftliche Studien und pflegte die Geselligkeit. Täglich traf er sich mit der Schriftstellerin Bettina von Arnim (1785-1859) und lernte dank ihrer Hilfe bedeutende Künstler und Schriftsteller kennen.

1827/1828 leitete Hermann von Meyer in Nürnberg ein Institut für Glasmalerei, das unter anderem Arbeiten am Regensburger Dom ausführte. Am 10. Juni 1829 wurde er Mitglied der Leopoldinischen Akademie und erhielt den Beinamen „Scheuchzer", der an den schweizerischen Arzt, Mathematikprofessor und Naturforscher Johann Jakob Scheuchzer (1672-1733) erinnerte.

Am 9. November 1830 wurde Hermann von Meyer in Frankfurt am Main zum Diaconus der evangelisch-lutherischen Gemeinde gewählt, am 10. Oktober 1834 in die Bürgerrepräsentation aufgenommen und 1835 zum Senior des evangelisch-lutherischen Armenpflegeamts ernannt.

Mit großer Begeisterung unternahm Hermann von Meyer paläontologische Studien. Er besuchte die fossilienreichen Sandgruben von Eppelsheim in Rheinhessen sowie Fossilienfundstätten in Georgsmünd und Solnhofen.

Hermann von Meyer nahm an zahlreichen Versammlungen von Naturforschern in Europa teil. Ungeachtet seiner Abneigung gegen öffentliches Reden vor großem Publikum trug er zahlreiche Mitteilungen in den Sektionssitzungen vor. Sein Vortragsstil wird als klar, bündig, streng sachlich und seine Sprache als gewählt geschildert.

Der Gelehrte Hermann von Meyer verfasste mehr als 300 wissenschaftliche Publikationen, beschrieb viele Fossilien und gab ihnen einen wissenschaftlichen Namen. Unter anderem prägte er die Gattungsnamen Plateosaurus (1837) für einen Dinosaurierfund bei Heroldsberg unweit von Nürnberg, Rhamphorhynchus für einen Flugsaurier (1847), Stenopelix für einen Dinosaurier (1857) und Archaeopteryx (1861) für den Abdruck einer Feder eines Ur-Vogels aus Solnhofen.

Zeitgenossen rühmten die vorzügliche Allgemeinbildung Hermann von Meyers, sein großes handwerkliches und zeichnerisches Geschick sowie seine gerade und vornehme Gesinnung. Außerdem lobte man seinen ungewöhnlichen Fleiß, seine Ordnungsliebe, seine wundervoll organisierte Arbeit, seine ausgezeichnete Höflichkeit, seine feinen, weltmännischen Umgangsformen und seine Gottesfurcht.

1837 ernannte man Hermann von Meyer zum "Bundestags-Cassen-Controleur" in Frankfurt am Main. In dieser Zeit entfaltete er seine stärkste literarische Aktivität. Er begann sein Werk „Zur Fauna der Vorwelt", gründete zusammen mit Wilhelm Dunker (1809-1885) die „Paleontographica" und publizierte viele kleinere Abhandlungen. Von 1838 bis 1843 wirkte er als Sektionär für die „Osteologie" der SNG in Frankfurt am Main.

1845 erhielt Hermann von Meyer einen akademischen Grad dank einer Ehrenpromotion durch die philosophische Fakultät der Universität Würzburg. 1851/1852 fungierte er als Erster Direktor der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft.

Im März 1860 erhielt Hermann von Meyer einen Ruf als Professor der Geologie und Paläontologie an die Universität Göttingen, den er aber ablehnte. Er legte großen Wert auf die Unabhängigkeit seiner Stellung in der Wissenschaft und verzichtete stets auf Honorar für seine literarischen Arbeiten.

Ab 1. Januar 1863 arbeitete Hermann von Meyer als Bundestags-Cassier, was ihm vermehrte Arbeit einbrachte. Im selben Jahr bezeichnete man einen Berg in Neuseeland ihm zu Ehren als Mount Meyer. 1866 brachte er die "Bundescasse" vor den Preußen in Sicherheit, zunächst auf die Festung Ulm und dann nach Augsburg. Nach Kriegsende wickelte er die Liquidation der "Bundescasse" ab und wurde nach 30-jähriger Amtsführung zusammen mit den anderen Bundesbeamten pensioniert.

Bald danach erschwerte ein bösartiges Augenleiden Hermann von Meyer das Lesen und Schreiben. Am 2. April 1869 starb er nach einem Schlaganfall.

In einem Nachruf über ihn ist zu lesen: "Die große Zahl seiner Mitbürger, welche dem schön gewachsenen Mann in schwarzem Anzuge und dem wegen mißgebildeter Füße beschwerlichen Gang, den er durch einen Stock unterstützen mußte, auf seinen täglichen Spaziergängen um die Stadt begegnete, kannte ihn wohl nur als Bundes-Cassier; nur die wenigsten wußten, welche hohe Stellung derselbe sich in der Gelehrtenwelt errungen hatte".

Das Unwissen über die große wissenschaftliche Leistung Hermann von Meyers ist bis heute geblieben. In gedruckten heutigen Lexika wird der bedeutendste Wirbeltierpaläontologie Deutschlands unverständlicherweise nicht erwähnt


*


LITERATUR

Hermann von Meyer -
Frankfurter Bürger und Begründer der
Wirbeltierpaläontologie in Deutschland
(Hermann von Meyer -
A Frankfurt citizen and pioneer
of vertebrate paleontology in Germany.)
Hrsg.: Keller, Thomas; Storch, Gerhard
2001. 47 Seiten, 27 Abbildungen, 3 Tabellen,
30x21 cm
(Kleine Senckenberg-Reihe, Band 40)
ISBN 3-510-61329-5
www.schweizerbart.de/pubs/books/sng/
kleinesenc-190104000-desc.html

Bielohlawek-Hübel, Gerold (Herausgeber): Hermann von Meyer. Aus: Wer fand den Urvogel? Die Geschichte des Archaeopteryx aus dem Altmühljura, Riedstadt 2005

Probst, Ernst: Deutschland in der Urzeit, München 1986

Struve, Wolfgang: Hermann von Meyer. Sonderdruck aus Senckenbergiana Lethaea, Band 48, S. 56-70, 1967. Aus der Geschichte des Senckenberg-Museums, 15: Zur Geschichte der Paläozoologisch-Geologischen Abteilung des Naturmuseums und Forschungs-Instituts Senckenberg. Teil I: von 1763 bis 1907, Frankfurt am Main, 22. 11, 1967

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