Mary Anning: Englands frühe Saurierjägerin



Leseprobe aus dem Taschenbuch „Superfrauen 5 – Wissenschaft“ des Wissenschaftsautors Ernst Probst:

Großbritanniens erfolgreichste Fossiliensammlerin des 19. Jahrhunderts war Mary Anning (1799–1847) aus Lyme Regis an der Küste von Dorset. Einmal wurde sie sogar als die „größte Fossiliensammlerin, die die Welt kannte“, bezeichnet. Die rührige Hobby-Paläontologin spürte Aufsehen erregende Reste von prähistorischen Fischen, Meeres- und Flugechsen aus der frühen Jurazeit vor mehr als 200 Millionen Jahren auf, die sie präparierte und an zahlungskräftige Interessenten verkaufte. Mit vielen Gelehrten ihrer Zeit ist sie befreundet gewesen.

Mary Anning kam am 21. Mai 1799 als eines von zehn Kindern des Kunsttischlers Richard Anning (1766–1810) und seiner Frau Mary in Lyme Regis zur Welt. Von diesen Jungen und Mädchen erreichten nur zwei, nämlich Mary und ihr Bruder Joseph (1796–1849), das Erwachsenenalter. Die Schilderungen über Marys Kindheit sind unvollständig und widersprüchlich.

Manche Darstellungen ihres Lebens wurden erfunden. Eine der unglaublich klingenden Geschichten über Mary Anning handelt davon, sie sei im Alter von einem Jahr zusammen mit ihrem Kindermädchen vom Blitz getroffen worden. Das Kindermädchen kam dabei angeblich ums Leben, die kleine Mary dagegen konnte, nachdem man sie in warmes Wasser getaucht hatte, wiederbelebt werden. Vor dem Unfall soll sie ein teilnahmsloses Kind gewesen, nachher jedoch lebhaft und intelligent geworden sowie prächtig gewachsen sein.

Das Fossiliensammeln an den Klippen der Küste nahe ihres Heimatortes lernte Mary von ihrem Vater, der dort viele Funde barg und damit Handel betrieb. Die Suche nach Fossilien in der Gegend von Lyme Regis war ein gefährliches Unternehmen. Dabei musste man unter einsturzgefährdeten Klippen und bei wechselnden Gezeiten – teilweise im Wasser watend – nach Funden Ausschau halten. Der Vater von Mary starb 1810 im Alter von nur 44 Jahren.

Bereits als elfjähriges Mädchen fand Mary Anning 1811 den größten Teil des Skeletts von einem Fischsaurier der Gattung „Ichthyosaurus“, ihr Bruder hatte schon ein Jahr zuvor Teile davon entdeckt. Als Glücksfall für die in Armut lebende Familie Anning erwies sich 1817 die Bekanntschaft mit dem professionellen Fossiliensammler Lieutenant-Colonel Thomas Birch (1769–1829). Er veräußerte seine Kollektion bei einer Auktion und schenkte den bedürftigen Annings den Verkaufserlös.

Ab Mitte der 1820-er Jahre betrieb Mary Anning – statt ihrer Mutter – allein den Fossilienhandel. Ihr Bruder Joseph verdiente damals als Möbelpolsterer seinen Lebensunterhalt. Mary verkaufte die meisten der von ihr entdeckten und präparierten Funde an Museen, Wissenschaftler und reiche Privatsammler.

1823 stieß Mary Anning in den Klippen von Lyme Regis auf einen nahezu kompletten Plesiosaurier (Ruderechse), der später „Plesiosaurus macrocephalus“ genannt wurde. Dabei handelte es sich ein räuberisches Meeresreptil aus der frühen Jurazeit. Als der renommierte französische Paläontologe Georges Cuvier (1769–1832) erstmals eine Zeichnung von diesem Fossil sah, bezweifelte er dessen Echtheit.

Nach einem Besuch 1824 in Lyme Regis schrieb Lady Harriet Sivester, die Frau des Stadtrichters von London, über Mary Anning in ihr Tagebuch, es sei außergewöhnlich, wie gründlich diese junge Frau ihre Wissenschaft betreibe. In dem Augenblick, in dem sie irgendeinen Knochen finde, wisse sie sofort, worum es sich handle. Sie fixiere die Knochen in einem Rahmen mit Zement und fertige dann Zeichnungen an.

1828 barg Mary Anning in den Kliffs von Lyme Regis Skelettreste eines Flugsauriers ohne Schädel. Dieser Fund aus der frühen Jurazeit wird in der Literatur oft als erster englischer Flugsaurier bezeichnet. In Wirklichkeit sind die ersten Flugsaurierreste aus Großbritannien schon 1827 von dem Arzt und Fossiliensammler Gideon Mantell (1790–1852) aus Lewes beschrieben worden. Allerdings deutete er die im Tilgateforest entdeckten Flugsaurierreste fälschlicherweise als Vogelknochen.

Marys Annings Flugsaurierfund wurde von dem Oxforder Professor William Buckland (1784–1856) erworben und von ihm 1829 in den Berichten der „Geologischen Gesellschaft“ in London als neue Art der Gattung „Pterodactylus“ („Flugfinger“) beschrieben. Buckland hatte 1824 bereits den ersten Dinosaurier, den Raubdinosaurier „Megalosaurus“ („Großechse“) aus England, publiziert. Wegen der großen Krallen an den kleinen Fingern bezeichnete Buckland die neue Flugsaurierart als „Pterodactylus macronyx“.

Als 1858 dem englischen Paläontologen Richard Owen (1804–1892) weitere Flugsaurierreste derselben Art aus Lyme Regis, darunter auch solche mit Schädeln, vorgelegt wurden, erkannte er rasch, dass sich der Schädel von der bisher nur aus Solnhofen in Bayern bekannten Gattung „Pterodactylus“ merklich unterschied. Daraufhin gab er den Flugsauriern aus Lyme Regis wegen ihrer zwei verschiedenen Zahnformen im Gebiss den Namen „Dimorphodon“ („Zweiformenzahn“). Diese Flugsaurier erreichten zu Lebzeiten eine Länge von etwa einem Meter und eine Flügelspannweite bis zu 1,40 Meter.

Außerdem glückte Mary Anning in Lyme Regis der Fund eines fossilen Fisches der Gattung „Squaloraja“ aus der frühen Jurazeit. Diese Gattung besaß sowohl Merkmale von Haien als auch von Rochen.

Sämtliche damaligen renommierten britischen Geologen sind mit Mary Anning befreundet gewesen. Viele von ihnen verbrachten ihre Ferien in Lyme Regis, um mit Mary die Klippen zu durchwandern und nach Fossilien Ausschau zu halten.

Gegen Ende ihres Lebens wurden Mary Anning auch wissenschaftliche Ehren zuteil. 1838 nahm man sie in die „British Association for the Advancement of Science“ auf. Die „Geological Society of London“ ernannte sie 1846 zum ersten Ehrenmitglied des neuen „Dorset County Museums“.

Am 9. März 1847 starb Mary Anning im Alter von 47 Jahren in Lyme Regis an Brustkrebs. Ihr Nachruf wurde im „Quarterly Journal of the Geological Society“ veröffentlicht. Diese Gesellschaft hatte bis 1904 keine Frauen aufgenommen. Auf Mary Anning soll der bekannte englische Zungenbrecher „She sells sea shells on the sea shore“ („Sie verkauft Meeresmuscheln am Meeresstrand“) gemünzt sein.

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Das Taschenbuch "Superfrauen 5 - Wissenschaft" ist erhältlich im http://www.buch-shop-mainz.de.

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Der Verlag Ernst Probst wurde 2001 von dem Journalisten, Buchautor, Buchverleger, Fossilien- und Antiquitätenhändler Ernst gegründet. Spezialitäten sind Bücher, Taschenbücher und CD-ROMs aus den Bereichen Biografien, Frauenliteratur, Geschichte, Natur, Wissenschaft und Aphorismen.

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